Versöhnliches

Juni 22, 2007

In der Tat war der gestrige Abend wider Erwarten noch recht friedlich, fast idyllisch, zwar ohne Sternekochessen, aber immerhin musste ich es nicht zubereiten sondern konnte mich nach dem Nassgeregnetwerden auf dem Heimweg mindestens 20 Minuten unter die heiße Dusche stellen.

Das Dumme meiner Situation und gleichzeitig das, was verhindert, dass ich auf Abstand zum Mann gehe, ist folgendes: Derjenige, der der Grund dafür ist, dass es mir momentan so schlecht geht, ist gleichzeitig regelmäßig der Einzige, der machen kann, dass es mir wieder besser geht. Und wenn er mich auf den Küchenstuhl in seinen Schoß zieht und meine Tränen wegküsst und mit seinen eigenen kämpft, weil es ihm ganz offensichtlich wehtut, mir wehgetan zu haben, dann ahne ich, dass ich letztendlich richtig entschieden habe. Dann blickt er mich aus ehrlichen, kummervollen Augen an und sagt: „Girl, ich mach Dich nie wieder traurig.“

Ist es dumm, daran zu glauben? Vermutlich sagen das die vielen Männerhasserinnen dort draußen, die das schon mehrfach hinter sich gebracht haben. Vermutlich sagen das die Pessimistinnen und die Emanzen (no offence), die Ungläubigen und die Rationalen.

Dann bin ich wohl dumm, aber immerhin besteht die nicht unrealistische Chance, dass ich wieder glücklich werde – mit diesem Mann.

Gerade ist mir M.s beste Freundin über den Weg gelaufen. Himmel, ich wollte so souverän sein. Stattdessen hab ich das knappste, traurigste Lächeln präsentiert und dann auf den Boden gestarrt, damit mir nicht die Tränen in die Augen schießen. Sie hat ebenso knapp-traurig-mitleidig zurückgelächelt. Wenn ich M. selbst das nächste Mal sehe, werde ich vermutlich einen Heulkrampf bekommen.

Wenn ich nicht der traurigste Mensch der Welt bin, dann doch zumindest derjenige, der am meisten von allen im Selbstmitleid versinkt. Ich verabscheue diese Leute aufs Äußerste. Alle haben es gewusst, niemand hat etwas gesagt. Einen von denen zu treffen ist einfach nur grauenvoll, jeder Gang durch dieses Gebäude ist ein Spießrutenlauf. Verräter lauern an allen Ecken und ich wünschte mir, ich hätte sie nie getroffen. Ich bin einfach zu verletzt. In meiner naiven Weltanschauung, die sich ein paar Werte gerne auf die Fahnen schreibt und so hoch wie möglich in der Luft herumschwenkt, passiert so etwas einfach nicht. Da machen Menschen, Freunde, um Himmels willen, so etwas nicht miteinander, da tritt man sich respektvoll gegenüber, da trampelt man nicht auf Gefühlen herum. Da ist man ehrlich und offen und man betrügt nicht.

Diese Weltanschauung muss ich wohl ablegen, aber das ist verdammt bitter. Bitterer noch dadurch, dass ich dachte, das sei die große Liebe, die erste, die in alle Ewigkeiten hält, die mich an alles glauben lassen kann, was groß ist und schön und gut, dass ich dachte, dies sei der Mann, der mich in dem Maß über alles und jeden anderen stellt, wie ich ihn über alles und jeden anderen stelle. Und jetzt? Ich glaube lieber an gar nichts mehr. Erscheint mir der sicherste Weg, ist vermutlich schmerzfreier. Irgendwie stehe ich neben mir selbst, betrachte mit Abstand mein Leben und muss, ganz nüchtern, feststellen, dass alles erschüttert wurde, alles in der Schwebe ist. Es kann in alle Richtungen weitergehen – und die meisten davon machen mir Angst.

Er hat was wiedergutzumachen, nicht wahr? Find ich auch. Er hat mich zu unterhalten, mich zu umsorgen, mir ständig liebe Dinge zu sagen, mich 20 Mal am Tag zu fragen, wie es mir geht, er hat mich und meine Bedürfnisse über sich und die seinen zu stellen. Er soll mich überraschen. Ich will mich geliebt und verehrt fühlen und nicht eine Sekunde anzweifeln müssen, dass ich vielleicht hätte gehen sollen.

Heute hat er eine wichtige Arbeit abgegeben, deshalb war es in den letzten Tagen schwierig, Zeit für uns zu finden. Aber schon am letzten Wochenende hat er versprochen, heute Abend für uns zu kochen und das beste Essen der Welt aufzutischen, während wir Popstars gucken (Trash-TV, es lebe hoch). Jetzt, da ich gesagt habe, ich müsse noch länger arbeiten (hält ihn ja nicht davon ab, pünktlich zu meinem Nachhausekommen zu kochen und währenddessen Popstars aufzunehmen) geht er lieber laufen und danach bleibt dann ja noch Zeit, mit mir nach Hause zu gehen und gemeinsam schnell bei Penny, der bis 22.00 Uhr geöffnet hat, was fürs Abendessen zu holen. Kennt Ihr das Angebot von Penny? Wird wohl eher kein Sternekoch-Essen. Außerdem gibt es da um 22.00 Uhr nichts mehr zu essen, was ein gesunder Mensch, der gesund zu bleiben wünscht, essen möchte.

Yeah, wouldn’t you feel loved? 

Ich weiß nicht so genau, wie ich das Verhalten vom Mann einschätzen soll. Er ist lieb, besorgt. Fordert ab und an mal Küsse ein. Streichelt mich. Wie immer laufen wir grds. Hand in Hand bzw. Arm in Arm durch die Gegend. Ist auch in Ordnung so. Irgendwie hab ich nur das Gefühl, dass er schon zur Tagesordnung übergegangen ist, dass er, nur weil ich mich in der Öffentlichkeit nicht entziehe, weil ich mit ihm zum Mittagessen gehe, weil ich zurückküsse, denkt, dass alles wieder in Ordnung sei. Gar nichts ist in Ordnung.

Ich bin innerlich nur Unordnung. Ich kann es kaum beschreiben; ich denke abwechselnd in die Richtungen „Wie schön, dass er mich liebt“, „Stirb doch einfach einen qualvollen Tod, M.“, „Warum konnte ich Dich nicht bei mir halten“, „Warum hast Du das gemacht, wenn es Dir nichts bedeutet“, „Fühlt sich gut an, geliebt zu werden“. Mir wäre ein einziger, klarer Gedanke auch lieber.

Ich weiß auch gar nicht, was ich machen soll, was ich ansprechen soll. Ich will wissen, wie M. küsst. Küsst sie besser als ich? Ich will wissen, wann es angefangen hat. Ich will wissen, wann es geendet hat. Ich will wissen, wie oft sie sich getroffen haben. Ich will wissen, wie es mir, obwohl ich neben ihm sitze, fast den ganzen Tag, nicht auffallen konnte. Ich will wissen, ob sie Kaffeepausen der Art gemacht haben, wie der Mann und ich sie zu Beginn unserer Beziehung gemacht haben – Kaffee holen, in eine geheime Ecke verschwinden und rummachen. Ich will wissen, ob er es schön fand, sie bei sich zu halten, ob er da im Kopf Unterschiede gemerkt hat – kleiner, schmaler, schlanker, größere Nase als ich? Besser? Einfach anders? Ich will wissen, ob M.s Kuss ihn erregt hat. Ich will wissen, ob es leicht war, meine Existenz auszublenden.

 Und im Grunde will ich die Antworten gar nicht hören. Und deshalb kann ich die Fragen nicht stellen. Und deshalb schäume ich innerlich vor Wut. Und deshalb kommt mir jeder Kuss vor, als spielte ich ihn – wie soll ich auch sagen, „Ich möchte Dich jetzt nicht küssen“? Ich möchte ja. Und gleichzeitig wird das überlagert von den vielen, vielen Gedanken in jeder Stunde an M. und an ihn und an meine fast gescheiterte Beziehung, deren nicht-Scheitern er schon für selbstverständlich zu halten scheint. Das Leben ist manchmal verdammt bescheiden.

I hate M.

Juni 20, 2007

M. läuft mir hier über den Weg, unweigerlich. Ich schaue mich ständig um und wenn ich sie sehe, wird mir speiübel. Gestern beim Mittagessen an ihr vorbeigelaufen, sie hat demütig auf ihren Teller gestarrt, etwas traurig – da soll sie mal mich fragen – und anschließend hab ich von meinem Teller Nudeln ungefähr sechs Gabeln hinuntergewürgt. Meine Beine werden immer schlanker, das ist der nette Nebeneffekt. Heute morgen war mir allerdings so schlecht, dass ich um 05.00 Uhr aufgestanden und mich elendig aufs Sofa gesetzt habe. Beschränkte Nahrungsaufnahme macht auch extrem schwach. Der nette Nebeneffekt relativiert sich rasch.

 

Ich möchte M. Gewalt antun, wenn ich sie sehe, könnte ich ihr ins Gesicht spucken und anschließend eine reinhauen. Ich bin nicht mit allzu ausgeprägter Vorstellungskraft in Sachen Gewaltfantasien ausgestattet, aber in den letzten Tagen mache ich eine fast erschreckende Kehrtwendung durch. Ebenso M.s kleine Freunde bekommen in denen ihr Fett weg, die alle davon gewusst haben, dass mein Freund mich mit ihr betrügt und nichts gesagt haben, mich stattdessen mit diesem freundlichen „Ja, wir mögen Dich“-Lächeln angeguckt haben. Ich mochte die alle wirklich gern. Lesson learned: Besser keine Gefühle mehr fehl investieren. Für mich ist das eine Form von Zivilcourage, nicht wegzusehen, wenn jemand betrogen wird, nicht einfach immer wegzusehen und so zu tun, als sei da nichts gewesen. Wo ist der Unterschied, wenn jemand am Körper oder an der Seele verletzt wird? Man sollte niemals den Blick abwenden.

 

Im Gegenteil: Nicht nur das kreide ich ihnen an, sondern vielmehr noch, dass sie gemacht haben, dass ich sie mag. Nicht nur M. war sehr talentiert darin, richtig nett zu mir zu sein, sondern auch M.s kleine Freunde, alle miteinander waren sie scheißfreundlich und wenn sie mir jetzt über den Weg laufen, will ich ihnen an die Gurgel springen, ich will, dass Fegefeuerflammen um sie herum auftauchen während ich ihnen eine Predigt über Anstand und Moral halte. Alles, was ich momentan mache, wird bestimmt von dem Bewusstsein, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe, ein wirklich netter, freundlicher, umgänglicher, lachender, lieber Mensch bin und die anderen sich in Grund und Boden schämen sollten für ihr unsäglich schäbiges Verhalten mir gegenüber. Und das ist wohl das Problem.

 

Ich glaube es wäre besser, wenn ich mir eine Teilschuld geben könnte, irgendetwas, womit ich mich bestrafen kann. Dann wäre es jetzt nicht so sehr „ich und die anderen“, ich auf der einen, die Welt auf der anderen Seite, und ich wäre nicht so verdammt allein.

Tag 5

Juni 20, 2007

Mein Elfenbeinturm steht in Hamburg, auf der guten Straßenseite mit den hübschen Häusern, gegenüber einer Hochhausreihe, die dem finstersten Sarcelles Konkurrenz macht. In dem Turm hab ich mir einen Lebensentwurf ausgemalt, in der festen Überzeugung, nicht in einem Jahrzehnt feststellen zu müssen, dass alles nicht funktioniert hat (wobei dieses Eingeständnis wohl so lauten würde: „Ist halt alles anders gekommen.“).

Mein Entwurf lautete in groben Zügen so: Mein Mann und ich heiraten, haben drei Kinder und ein Eigenheim im Grünen, ein großes, sehr großes, denn wenn wir beruflich dort landen, wo hinzukommen wir mit Feuereifer anstreben, dann geht das.

 

Am Freitag hab ich dann was Dummes getan. Ich hab mit seinem Handy telefoniert und eine SMS gelesen, die schon ein paar Wochen alt war. Hätte ich nicht machen sollen – so oder so nicht, weder moralisch noch im Hinblick auf die folgende Totalzerstörung von Seelenfrieden, heiler Welt und Elfenbeinturmausgeburten. „Danke fürs glücklich machen, jeden Tag wieder, und nur indem ich dich sehe :-) “. So oder ähnlich. Das war nicht mein Text. Das war der Text von M. Und M.s Text ging an meinen Mann.

 

Ich hab ihn ein paar Stunden später damit konfrontiert – dachte ich bräuchte die Zeit um Gedanken zu sammeln. Pustekuchen, ich habe die Decke angestarrt, nicht gelesen, nicht gegessen, nicht geschlafen, nicht ferngesehen. Schon mal ein paar Stunden hintereinander nichts getan außer die weiße Zimmerdecke anzustarren? Folgendes Bild taucht dann vorm geistigen Auge auf: M. und mein Mann wälzen sich leidenschaftlich in meinem Bett, M. und mein Mann küssen sich, mein Mann hält M. auf eine Art, auf die er nur mich halten sollte, mein Mann antwortet auf M.s SMS: „Du machst mich auch glücklich, jeden Tag.“

 

Er hat mich weinend angefleht, ihn nicht zu verlassen. Er hat sich nicht leidenschaftlich in meinem Bett gewälzt, aber geküsst und geflirtet – und sich verrannt in eine kurze, aufregende Idee von einem Menschen, der gerade ähnlich drauf war wie er. Habe auf mein Herz gehört und gesagt, dass ich bleibe. Habe trotzdem bei seinem Kuss daran gedacht, wie M. wohl küsst. Bis heute denke ich das, jedes Mal. Er hat viel erklärt, viel versichert. Ich habe ihm schon eine zweite Chance eingeräumt, aber irgendwie denke ich, ich hätte vielleicht die Schere ansetzen und einen Schnitt machen sollen, in dem ich mich ausruhen kann und überlegen, was ich mit der Beziehung vor Freitag und der Beziehung seit Freitag anfange – und ob ich sie wieder zusammenflicken kann.