Wovor man am Tag wegläuft…
Juli 14, 2007
Ab morgen bin ich weg. Für vier Wochen werde ich den Mann nicht sehen – es geht ins Ausland für mich. Danach wohl eine Stippvisite des Mannes, dann, wenn es gut geht, sehen wir uns bis Dezember im Zweiwochenrhythmus. Der Mann ist mit Arbeit eingedeckt, es wird ihm wenig Zeit bleiben für einen Fehltritt – zumindest in den nächsten vier Wochen. Angst ihn allein zu lassen, habe ich dennoch. Was macht er, wenn er einsam ist? Wem wendet er sich zu? Wirklich mir? Nicht wieder jemand anderem? Noch einmal derselben – M., die jetzt ohne Beziehung ist, die schon einmal etwas gesucht hat, dass sie bei meinem Mann zu finden glaubte, es dann wohl doch nicht gefunden hat – versucht sie es noch einmal? Oder versucht er es noch einmal? Sucht er sich seinen Ausgleich zur stundenlangen, monotonen, anstrengenden Arbeit bei einer anderen Frau, wenn ich nicht da bin, um ihn abends aufzufangen?
Es quält, morgen gehen zu müssen, und wenn am Bahnhof Tränen fließen – so wie jetzt gerade -, dann nicht nur wegen des Abschiedsschmerzes, sondern auch wegen der Ungewissheit der Zukunft und der Lügen und Betrügerei der Vergangenheit. Ich liebe ihn so sehr, aber es ist einfach nicht mehr wie vorher und ich weiß nicht, ob es noch einmal so unbeschwert werden wird, ob dieses Ungleichgewicht in unserer Beziehung irgendwann einmal verschwinden wird.
Es ist ein dummer Gedanke, das weiß ich im Grunde auch, aber vielleicht sollte ich es ihm heimzahlen, ihn zurück betrügen mit jemandem, der ihm Tag für Tag über den Weg läuft, damit er sich bei jeder Begegnung so fühlt als sei er ein eingesperrtes Tier, das nicht entkommen kann; nicht nur, um ihm zu demonstrieren, wie das ist, wie es sich anfühlt, von dem Menschen, den man am meisten liebt, dem man am meisten vertraut hat, hintergangen zu werden, sondern auch, um sagen zu können: „So, wir sind quitt.“ Aber natürlich weiß ich, dass es das nicht besser macht, sondern nur schlimmer.
Ich träume so oft von M. Es sind Alpträume kraft ihres Gegenstandes – ich habe während der letzten vier Wochen (mit wenig Erfolg) versucht, ihr so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen, aber sie beschäftigt mich so sehr, dass ich es nachts zumindest nicht abschütteln kann. Wovor man am Tag wegläuft, sucht einen in der Nacht heim – ich wünschte, es wäre nicht so, ich wünschte, ich hätte irgendeinen Einfluss auf meine Träume; dann würde ich nachts in die Vergangenheit gehen, als es noch friedlich war und zwar nicht immer perfekt, aber doch harmonisch und auf eine sehr alltägliche Art zufrieden. Jetzt ist einfach nur Unruhe und Ungewissheit bezüglich dessen, was wird. Was wird? Was wird aus ihm, wenn ich fort bin, was aus mir – und was aus unserer Beziehung? Kann ich es aufrecht erhalten, will ich? Ich bin einfach so müde, all das, was mir anhängt und was ich nicht sagen kann – „Doch, ich zweifle jeden Tag, ob ich wirklich bei Dir bleiben soll“, „Ich habe Angst, Dich zu verlieren“, „Bist Du ein notorischer Betrüger?“, „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Du mir so etwas noch einmal antust?“, „Wärst Du an meiner Stelle gegangen? Sei ehrlich“, „Kannst Du Dir den Druck ausmalen, der bei jeder unfreiwilligen Begegnung mit M. auf mir lastet?“, „Kannst Du im Ansatz nachvollziehen, wie kaputt ich bin? Durch Dich? Du, der Du mein Held und Retter sein wolltest? Realisierst Du, dass mein Herz gebrochen ist, kaputt zu Deinen Füßen liegt und sich fürchtend zitternd wartet, dass Du noch einmal darauf eintrittst?“ – belastet mich unheimlich. Ich bin froh, wenn ich während der nächsten Wochen Abstand gewinnen kann; aber ich habe Angst, einfach nur Angst, dass der Abstand zu groß wird – oder zu groß ist und ich mich nur wehre, mir das einzugestehen. Es gibt diese kleinen, wunderbaren Momente, die mich wieder glauben lassen; aber wenn ich allein bin mit meinen Gedanken, gibt es nur noch Negativa, böse Träume und Angst vor der Zukunft, die doch immer eine zu zweit sein sollte – und weder eine zu dritt noch eine für mich allein.
Rückschläge
Juli 10, 2007
Ich weiß es seit dem 08.06.
Am 18.06. hat M. meinen Mann angerufen.
Seit dem 08.06 hätte klar sein müssen, dass das nicht geschehen sollte. Dass er einen solchen Anruf zumindest nicht entgegennimmt. Hat er aber. Was macht er sonst noch so? Weiß ich es? Nein Könnte ich es ihm glauben, würde er es mir erzählen? Nein, offensichtlich kann ich ihm gar nichts mehr glauben.
Fraglich nur, ob und wie ich das anspreche. Denn mal wieder habe mit seinem Handy telefoniert, mal wieder hab ich den Drang verspürt, herumzuschnüffeln in Sachen, zu denen mir kein Zugang gewährt ist – als „Kontrolle“, „nur mal schauen, ob“, „wird schon nicht, weiß ich doch, aber…“. Aber offensichtlich ist mein Misstrauen gerechtfertigt.
Und um ehrlich zu sein, hatte ich mir fest vorgenommen, dass jeglicher Kontakt zu M. einen Trennungsgrund darstellen würde. Jetzt habe ich meinen Trennungsgrund. Was mach ich denn nur? Jeder Ratschlag ist willkommen.
Demütigung
Juli 5, 2007
Das ist das Wort, wonach ich irgendwie gesucht habe: Demütigung. Es ist demütigend, M. jeden Tag zu sehen. Es ist demütigend, wenn mir ihre Freunde über den Weg laufen. Es ist jedes Mal eine Niederlage. Jedes Mal dieselben dummen, dummen Gedanken: „Oh, M. ist aber schlank.“ „Oh, M.s Haare sind ganz schön hübsch.“ Oh, was hat M. nur, was ich nicht hab? Und gleich darauf die nüchternere Betrachtung: Nein, sie ist nicht hübscher als Du. Ihre Nase ist zu groß. Sie ist schlanker, so what? Ich bin größer, das gleicht sich aus. Meine Haare sind meterlang und wunderschön. Ich hab nicht an drei Tagen hintereinander dasselbe Oberteil an. Ich kokettiere nicht mit einer „Ich komme aus dem schlimmsten Stadtteil Berlins, bemitleidet mich, meine Kindheit war furchtbar“-Nummer, die so verzweifelt um Aufmerksamkeit heischt. Ich flirte nicht auf Teufel komm raus jeden Mann an, der mir über den Weg läuft. Ich rauche nicht. Ich bin hübscher. Und dann wieder ein „Aber Ihre Ergebnisse waren besser als meine vor einem Jahr.“
Mag der Mann das lieber? Steht er auf etwas kleiner, zu große Nase, dafür schlanker und mit besserem Klausurergebnis? Mein Selbstvertrauen hat solch einen Knick bekommen. Dafür fange ich jetzt schon an, wie M. durch die Welt zu laufen: Schaut, meine Brüste! Schaut sie euch an, jeder darf mal gucken. Meine Shoppingaktion von Montag hat jedenfalls tief dekolletierte Tops zum Ergebnis, die mir wahnsinnig gut stehen und die den Mann rasend eifersüchtig machen müssen. Aber er sagt kein Wort. Er darf auch nicht. Es geht mir gut, ich fühle mich hübsch, wenn mir der Blick eines anderen Menschen sagt, was ich beim Mann so schnell vergessen habe: Ich bin hübsch.
Ich bin hübsch, ich bin nett, ich bin intelligent, ich bin nicht langweilig und in ungefähr vier Jahren fange ich einen Job mit unverschämt hohem Einstiegsgehalt an. Ich bin hübsch.
Und ich habe nicht verdient, dass man mich daran zweifeln lässt.
Das Schweigen in der Luft und die gestohlene Zeit
Juni 30, 2007
Drei Wochen hat es gedauert. Erst jetzt habe ich mich getraut zu fragen, bzw. gestern Abend schon, immerhin. Im Bett liegend, beide hundemüde, mal wieder, mit den typischen Bettzeit-Gesprächen beschäftigt – noch einmal sagen, dass man den anderen liebt, und noch mal und noch mal und noch mal – und zwischen den „Ich Dich auch“’s hab ich einfach gefragt: „Wie lang hat das gedauert mit M.?“ Ich kenne mittlerweile sein verschämtes, betretenes Schweigen, das nach solchen Fragen erst einmal kurz in der Luft hängt, wenn er überrascht ist, wie rasant ich von zärtlich-lieb-verschmust zu abgeklärt-traurig-fordernd wechseln kann. Meine Stimme bricht jedes Mal, wenn ich das Thema auf M. bringe, Schwäche schwingt mit, jedes Mal. Ich kann es nicht verhindern. Jedenfalls schwieg er kurz und gestand dann ein „So drei Wochen“ ein.
Ich verbringe die meiste Zeit meines Tages an der Seite des Mannes. Er hat sich Minuten dieser Zeit gestohlen, um sie mit ihr zu verbringen. Sie haben sich nie außerhalb getroffen, nie länger als wenige Minuten. Das klingt zunächst nicht so schlimm, aber es waren meine Minuten, die er weggenommen hat, meine allein, und er hat sie einer anderen geschenkt. Das trifft, wie jedes seiner Eingeständnisse trifft.
„Nur eine Schwärmerei“ ist auch so ein gemeines Eingeständnis. Nur eine Schwärmerei, nur eine Verknalltheit, längst vorbei, in etwas verrannt, nicht eine Sekunde daran gedacht, Dich zu verlassen – vielen Dank. Denn es ist doch zwangsläufig so, dass neben dem mir, neben dem uns Platz genug war, dass M. ihre diebischen Fühler ausstrecken und sich hineindrängen konnte. Schlimmer noch, neben dem uns war Platz genug, dass das Herz, das nur ich zum Klopfen bringen sollte, auch für M. geschlagen hat, dass Platz war, dass er sich nicht nur freut, neben mir aufzuwachen sondern darauf, dass er M. in ein paar Stunden sieht, dass M. ihm Zeit genug schenkt, dass er ein paar meiner Minuten wegnehmen und sie ihr zuwenden kann.
Im Nachhinein bedeutet es ihm nichts – aber für mich gibt es kein „während der Zeit mit M.“, „Läuterung“ und „rückblickend“; für mich gibt es nur die Tatsache, dass ihm M. während drei Wochen immerhin so viel bedeutet hat, dass er mich belogen hat, betrogen, hintergangen, verraten, mein seliges, grenzenloses Vertrauen missbraucht hat.
Woran merkt man, dass man verziehen hat? Hört dann das Misstrauen auf, ist man dann nicht mehr so traurig? Oder kann nur vertrauen, fröhlich sein, wenn man vergessen hat? Ich vergesse den Vertrauensbruch nicht; ich bin sicher, dass ich ihn verzeihen kann. Aber noch schwebt er über allem, mein persönliches Damoklesschwert, die ständige Erinnerung, dass die Geschichte mit dem Vertrauen ein äußerst fragiles Gebilde ist, das sich leicht zerstören lässt – wenn man denn will. Ich will es nicht aufgeben, ich bin bestimmt nicht diejenige, die den Faden durchtrennt, damit das Schwert herunterfällt. Aber ich bin leider auch nicht mehr die, in deren Macht es steht, den Faden geknüpft zu lassen.
Feindkontakt
Juni 26, 2007
Eben hat M., die eine Etage tiefer sitzt, mich via Skype kontaktiert. „M.T. möchte mit Ihnen Kontaktdaten austauschen“, dazu ein markiger, sehr M.-iger Spruch über meinen Skype-Namen. Mein Herz hat kurz ausgesetzt, dann wurde mir schlecht und dann war ich sehr, sehr wütend – „“Was denkt die sich denn bitte? Das kann ja wohl nur ein Versehen der unverzeihlichsten, dümmsten Sorte sein. “ Das waren meine nicht sehr liebreizenden Gedanken. Ich habe die Einladung erst mal angenommen, wollte sehen, was da wohl kommen möge. Hier das, was ich zu ihr gesagt habe:
„ich bin nicht wirklich deine beste freundin im moment, M., jude law hin oder her. und um ehrlich zu sein wär’s mir auch lieber, du ließest mich noch eine weile in ruhe. ich spar mir auch die moralpredigt und so – aber trotzdem.“
Souverän, nicht wahr? Und doch gleichzeitig sehr subtil Schuldgefühle vermittelnd. Ich war sehr stolz auf mich. Das kam zurück:
„äh… weiß grad nicht worum es geht – entschuldige. selbstverständlich lass ich dich in ruhe. keine sorge.“
Darauf meine Erklärung, gerade ihren Wunsch zum Kontaktdatenaustausch erhalten zu haben, darauf ihre Entschuldigung, das müsse schon ein bisschen her sein und dieses:
„du darfst sehr gern ablehnen. dafür verständnis zu haben schaff selbst ich.“
Danach habe ich sie ohne weiteren Kommentar stoisch aus meiner Kontaktliste gelöscht, mein Herz schlug wieder ruhiger und die Übelkeit war auch weg. Halleluja.
Schlampe.
Die Fertigmacher-Fragen
Juni 24, 2007
Ich glaube, das hier ist mein Problem: nicht reden. Ich will nicht mit dem Mann sprechen. Es fällt mir zu schwer. Der Mann spricht aber auch nicht mit mir, obwohl ich im Grunde nichts anderes will, als dass er es doch tut.
Ich glaube mittlerweile wirklich, dass der Mann meint, es sei alles wieder gut. Auf irgendeiner schlauen Seite hab ich gelesen, dass eine Beziehung ein Jahr braucht, um sich von einem Fremdgehen zu erholen. Kann man da was von abziehen, wenn kein Sex im Spiel war? Ich liebe ihn, aber ich vertraue ihm nicht. Ich schiele auf seinen Laptop, wenn ich ihn aus den Augenwinkeln lachen sehe – mit wem chattet er da, wer bringt ihn zum Lachen, welche wird die Nächste sein oder ist es gar wieder M., zu der ich strikt den Kontakt untersagt habe? Ich frage mich, wenn er kurz verschwindet, wohin er geht, was er da macht und mit wem er es macht. Und ich frage mich, ob sich das je wieder ändert. Ich will mir diese Fragen nicht stellen, sie machen mich fertig. Ich habe momentan gar keine Zeit, dass meine Gedanken nur mit seinem Verbleib beschäftigt sind – keine Zeit, keinen Nerv, keine Kraft.
Wäre er nur irgendwie bemühter um mich - aber er ist es gar nicht. Er ist in einer Bringschuld, und bei mir kommt nichts an, nur der dahindümpelnde Alltag, den wir vorher auch hatten und an dem grundsätzlich nichts Schlechtes ist; leider passte er hervorragend zu meinem Leben vor Freitag, letzte Woche, aber so gar nicht mehr zu dem Leben jetzt. Ich habe keinen Alltag mehr, ich habe ein chaotisches Leben, das ich erst einmal ordnen muss und in dem der Mann sich erst einmal seinen Platz suchen muss bzw. er abwarten muss, welchen Platz ich ihm zuteile. Aber er scheint gar nicht zu verstehen, dass es so aussieht. Im Gegenteil – er freut sich, dass ich bleibe. Sagt, dass er mich liebt. Wir schlafen Arm in Arm ein. Schön? Ja. Genug? Zumindest zu bezweifeln.
Therapietage(/-stunden)buch; alles in der Schwebe
Juni 21, 2007
Gerade ist mir M.s beste Freundin über den Weg gelaufen. Himmel, ich wollte so souverän sein. Stattdessen hab ich das knappste, traurigste Lächeln präsentiert und dann auf den Boden gestarrt, damit mir nicht die Tränen in die Augen schießen. Sie hat ebenso knapp-traurig-mitleidig zurückgelächelt. Wenn ich M. selbst das nächste Mal sehe, werde ich vermutlich einen Heulkrampf bekommen.
Wenn ich nicht der traurigste Mensch der Welt bin, dann doch zumindest derjenige, der am meisten von allen im Selbstmitleid versinkt. Ich verabscheue diese Leute aufs Äußerste. Alle haben es gewusst, niemand hat etwas gesagt. Einen von denen zu treffen ist einfach nur grauenvoll, jeder Gang durch dieses Gebäude ist ein Spießrutenlauf. Verräter lauern an allen Ecken und ich wünschte mir, ich hätte sie nie getroffen. Ich bin einfach zu verletzt. In meiner naiven Weltanschauung, die sich ein paar Werte gerne auf die Fahnen schreibt und so hoch wie möglich in der Luft herumschwenkt, passiert so etwas einfach nicht. Da machen Menschen, Freunde, um Himmels willen, so etwas nicht miteinander, da tritt man sich respektvoll gegenüber, da trampelt man nicht auf Gefühlen herum. Da ist man ehrlich und offen und man betrügt nicht.
Diese Weltanschauung muss ich wohl ablegen, aber das ist verdammt bitter. Bitterer noch dadurch, dass ich dachte, das sei die große Liebe, die erste, die in alle Ewigkeiten hält, die mich an alles glauben lassen kann, was groß ist und schön und gut, dass ich dachte, dies sei der Mann, der mich in dem Maß über alles und jeden anderen stellt, wie ich ihn über alles und jeden anderen stelle. Und jetzt? Ich glaube lieber an gar nichts mehr. Erscheint mir der sicherste Weg, ist vermutlich schmerzfreier. Irgendwie stehe ich neben mir selbst, betrachte mit Abstand mein Leben und muss, ganz nüchtern, feststellen, dass alles erschüttert wurde, alles in der Schwebe ist. Es kann in alle Richtungen weitergehen – und die meisten davon machen mir Angst.
Falsche Richtung, falsche Signale, alles falsch
Juni 21, 2007
Ich weiß nicht so genau, wie ich das Verhalten vom Mann einschätzen soll. Er ist lieb, besorgt. Fordert ab und an mal Küsse ein. Streichelt mich. Wie immer laufen wir grds. Hand in Hand bzw. Arm in Arm durch die Gegend. Ist auch in Ordnung so. Irgendwie hab ich nur das Gefühl, dass er schon zur Tagesordnung übergegangen ist, dass er, nur weil ich mich in der Öffentlichkeit nicht entziehe, weil ich mit ihm zum Mittagessen gehe, weil ich zurückküsse, denkt, dass alles wieder in Ordnung sei. Gar nichts ist in Ordnung.
Ich bin innerlich nur Unordnung. Ich kann es kaum beschreiben; ich denke abwechselnd in die Richtungen „Wie schön, dass er mich liebt“, „Stirb doch einfach einen qualvollen Tod, M.“, „Warum konnte ich Dich nicht bei mir halten“, „Warum hast Du das gemacht, wenn es Dir nichts bedeutet“, „Fühlt sich gut an, geliebt zu werden“. Mir wäre ein einziger, klarer Gedanke auch lieber.
Ich weiß auch gar nicht, was ich machen soll, was ich ansprechen soll. Ich will wissen, wie M. küsst. Küsst sie besser als ich? Ich will wissen, wann es angefangen hat. Ich will wissen, wann es geendet hat. Ich will wissen, wie oft sie sich getroffen haben. Ich will wissen, wie es mir, obwohl ich neben ihm sitze, fast den ganzen Tag, nicht auffallen konnte. Ich will wissen, ob sie Kaffeepausen der Art gemacht haben, wie der Mann und ich sie zu Beginn unserer Beziehung gemacht haben – Kaffee holen, in eine geheime Ecke verschwinden und rummachen. Ich will wissen, ob er es schön fand, sie bei sich zu halten, ob er da im Kopf Unterschiede gemerkt hat – kleiner, schmaler, schlanker, größere Nase als ich? Besser? Einfach anders? Ich will wissen, ob M.s Kuss ihn erregt hat. Ich will wissen, ob es leicht war, meine Existenz auszublenden.
Und im Grunde will ich die Antworten gar nicht hören. Und deshalb kann ich die Fragen nicht stellen. Und deshalb schäume ich innerlich vor Wut. Und deshalb kommt mir jeder Kuss vor, als spielte ich ihn – wie soll ich auch sagen, „Ich möchte Dich jetzt nicht küssen“? Ich möchte ja. Und gleichzeitig wird das überlagert von den vielen, vielen Gedanken in jeder Stunde an M. und an ihn und an meine fast gescheiterte Beziehung, deren nicht-Scheitern er schon für selbstverständlich zu halten scheint. Das Leben ist manchmal verdammt bescheiden.