Ab morgen bin ich weg. Für vier Wochen werde ich den Mann nicht sehen – es geht ins Ausland für mich. Danach wohl eine Stippvisite des Mannes, dann, wenn es gut geht, sehen wir uns bis Dezember im Zweiwochenrhythmus. Der Mann ist mit Arbeit eingedeckt, es wird ihm wenig Zeit bleiben für einen Fehltritt – zumindest in den nächsten vier Wochen. Angst ihn allein zu lassen, habe ich dennoch. Was macht er, wenn er einsam ist? Wem wendet er sich zu? Wirklich mir? Nicht wieder jemand anderem? Noch einmal derselben – M., die jetzt ohne Beziehung ist, die schon einmal etwas gesucht hat, dass sie bei meinem Mann zu finden glaubte, es dann wohl doch nicht gefunden hat – versucht sie es noch einmal? Oder versucht er es noch einmal? Sucht er sich seinen Ausgleich zur stundenlangen, monotonen, anstrengenden Arbeit bei einer anderen Frau, wenn ich nicht da bin, um ihn abends aufzufangen?

Es quält, morgen gehen zu müssen, und wenn am Bahnhof Tränen fließen – so wie jetzt gerade -, dann nicht nur wegen des Abschiedsschmerzes, sondern auch wegen der Ungewissheit der Zukunft und der Lügen und Betrügerei der Vergangenheit. Ich liebe ihn so sehr, aber es ist einfach nicht mehr wie vorher und ich weiß nicht, ob es noch einmal so unbeschwert werden wird, ob dieses Ungleichgewicht in unserer Beziehung irgendwann einmal verschwinden wird.

Es ist ein dummer Gedanke, das weiß ich im Grunde auch, aber vielleicht sollte ich es ihm heimzahlen, ihn zurück betrügen mit jemandem, der ihm Tag für Tag über den Weg läuft, damit er sich bei jeder Begegnung so fühlt als sei er ein eingesperrtes Tier, das nicht entkommen kann; nicht nur, um ihm zu demonstrieren, wie das ist, wie es sich anfühlt, von dem Menschen, den man am meisten liebt, dem man am meisten vertraut hat, hintergangen zu werden, sondern auch, um sagen zu können: „So, wir sind quitt.“ Aber natürlich weiß ich, dass es das nicht besser macht, sondern nur schlimmer.

Ich träume so oft von M. Es sind Alpträume kraft ihres Gegenstandes – ich habe während der letzten vier Wochen (mit wenig Erfolg) versucht, ihr so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen, aber sie beschäftigt mich so sehr, dass ich es nachts zumindest nicht abschütteln kann. Wovor man am Tag wegläuft, sucht einen in der Nacht heim – ich wünschte, es wäre nicht so, ich wünschte, ich hätte irgendeinen Einfluss auf meine Träume; dann würde ich nachts in die Vergangenheit gehen, als es noch friedlich war und zwar nicht immer perfekt, aber doch harmonisch und auf eine sehr alltägliche Art zufrieden. Jetzt ist einfach nur Unruhe und Ungewissheit bezüglich dessen, was wird. Was wird? Was wird aus ihm, wenn ich fort bin, was aus mir – und was aus unserer Beziehung? Kann ich es aufrecht erhalten, will ich? Ich bin einfach so müde, all das, was mir anhängt und was ich nicht sagen kann – „Doch, ich zweifle jeden Tag, ob ich wirklich bei Dir bleiben soll“, „Ich habe Angst, Dich zu verlieren“, „Bist Du ein notorischer Betrüger?“, „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Du mir so etwas noch einmal antust?“, „Wärst Du an meiner Stelle gegangen? Sei ehrlich“, „Kannst Du Dir den Druck ausmalen, der bei jeder unfreiwilligen Begegnung mit M. auf mir lastet?“, „Kannst Du im Ansatz nachvollziehen, wie kaputt ich bin? Durch Dich? Du, der Du mein Held und Retter sein wolltest? Realisierst Du, dass mein Herz gebrochen ist, kaputt zu Deinen Füßen liegt und sich fürchtend zitternd wartet, dass Du noch einmal darauf eintrittst?“ – belastet mich unheimlich. Ich bin froh, wenn ich während der nächsten Wochen Abstand gewinnen kann; aber ich habe Angst, einfach nur Angst, dass der Abstand zu groß wird – oder zu groß ist und ich mich nur wehre, mir das einzugestehen. Es gibt diese kleinen, wunderbaren Momente, die mich wieder glauben lassen; aber wenn ich allein bin mit meinen Gedanken, gibt es nur noch Negativa, böse Träume und Angst vor der Zukunft, die doch immer eine zu zweit sein sollte – und weder eine zu dritt noch eine für mich allein.

Rückschläge

Juli 10, 2007

Ich weiß es seit dem 08.06.

Am 18.06. hat M. meinen Mann angerufen.

Seit dem 08.06 hätte klar sein müssen, dass das nicht geschehen sollte. Dass er einen solchen Anruf zumindest nicht entgegennimmt. Hat er aber. Was macht er sonst noch so? Weiß ich es? Nein Könnte ich es ihm glauben, würde er es mir erzählen? Nein, offensichtlich kann ich ihm gar nichts mehr glauben.

Fraglich nur, ob und wie ich das anspreche. Denn mal wieder habe mit seinem Handy telefoniert, mal wieder hab ich den Drang verspürt, herumzuschnüffeln in Sachen, zu denen mir kein Zugang gewährt ist – als „Kontrolle“, „nur mal schauen, ob“, „wird schon nicht, weiß ich doch, aber…“. Aber offensichtlich ist mein Misstrauen gerechtfertigt.

Und um ehrlich zu sein, hatte ich mir fest vorgenommen, dass jeglicher Kontakt zu M. einen Trennungsgrund darstellen würde. Jetzt habe ich meinen Trennungsgrund. Was mach ich denn nur? Jeder Ratschlag ist willkommen.

Demütigung

Juli 5, 2007

Das ist das Wort, wonach ich irgendwie gesucht habe: Demütigung. Es ist demütigend, M. jeden Tag zu sehen. Es ist demütigend, wenn mir ihre Freunde über den Weg laufen. Es ist jedes Mal eine Niederlage. Jedes Mal dieselben dummen, dummen Gedanken: „Oh, M. ist aber schlank.“ „Oh, M.s Haare sind ganz schön hübsch.“ Oh, was hat M. nur, was ich nicht hab? Und gleich darauf die nüchternere Betrachtung: Nein, sie ist nicht hübscher als Du. Ihre Nase ist zu groß. Sie ist schlanker, so what? Ich bin größer, das gleicht sich aus. Meine Haare sind meterlang und wunderschön. Ich hab nicht an drei Tagen hintereinander dasselbe Oberteil an. Ich kokettiere nicht mit einer „Ich komme aus dem schlimmsten Stadtteil Berlins, bemitleidet mich, meine Kindheit war furchtbar“-Nummer, die so verzweifelt um Aufmerksamkeit heischt. Ich flirte nicht auf Teufel komm raus jeden Mann an, der mir über den Weg läuft. Ich rauche nicht. Ich bin hübscher. Und dann wieder ein „Aber Ihre Ergebnisse waren besser als meine vor einem Jahr.“

Mag der Mann das lieber? Steht er auf etwas kleiner, zu große Nase, dafür schlanker und mit besserem Klausurergebnis? Mein Selbstvertrauen hat solch einen Knick bekommen. Dafür fange ich jetzt schon an, wie M. durch die Welt zu laufen: Schaut, meine Brüste! Schaut sie euch an, jeder darf mal gucken. Meine Shoppingaktion von Montag hat jedenfalls tief dekolletierte Tops zum Ergebnis, die mir wahnsinnig gut stehen und die den Mann rasend eifersüchtig machen müssen. Aber er sagt kein Wort. Er darf auch nicht. Es geht mir gut, ich fühle mich hübsch, wenn mir der Blick eines anderen Menschen sagt, was ich beim Mann so schnell vergessen habe: Ich bin hübsch.

Ich bin hübsch, ich bin nett, ich bin intelligent, ich bin nicht langweilig und in ungefähr vier Jahren fange ich einen Job mit unverschämt hohem Einstiegsgehalt an. Ich bin hübsch.

Und ich habe nicht verdient, dass man mich daran zweifeln lässt. 

Feindkontakt

Juni 26, 2007

Eben hat M., die eine Etage tiefer sitzt, mich via Skype kontaktiert. „M.T. möchte mit Ihnen Kontaktdaten austauschen“, dazu ein markiger, sehr M.-iger Spruch über meinen Skype-Namen. Mein Herz hat kurz ausgesetzt, dann wurde mir schlecht und dann war ich sehr, sehr wütend – „“Was denkt die sich denn bitte? Das kann ja wohl nur ein Versehen der unverzeihlichsten, dümmsten Sorte sein. “ Das waren meine nicht sehr liebreizenden Gedanken. Ich habe die Einladung erst mal angenommen, wollte sehen, was da wohl kommen möge. Hier das, was ich zu ihr gesagt habe:

„ich bin nicht wirklich deine beste freundin im moment, M., jude law hin oder her. und um ehrlich zu sein wär’s mir auch lieber, du ließest mich noch eine weile in ruhe. ich spar mir auch die moralpredigt und so – aber trotzdem.“

Souverän, nicht wahr? Und doch gleichzeitig sehr subtil Schuldgefühle vermittelnd. Ich war sehr stolz auf mich. Das kam zurück:

„äh… weiß grad nicht worum es geht – entschuldige. selbstverständlich lass ich dich in ruhe. keine sorge.“

Darauf meine Erklärung, gerade ihren Wunsch zum Kontaktdatenaustausch erhalten zu haben, darauf ihre Entschuldigung, das müsse schon ein bisschen her sein und dieses:

„du darfst sehr gern ablehnen. dafür verständnis zu haben schaff selbst ich.“

Danach habe ich sie ohne weiteren Kommentar stoisch aus meiner Kontaktliste gelöscht, mein Herz schlug wieder ruhiger und die Übelkeit war auch weg. Halleluja.

Schlampe.

Er hat was wiedergutzumachen, nicht wahr? Find ich auch. Er hat mich zu unterhalten, mich zu umsorgen, mir ständig liebe Dinge zu sagen, mich 20 Mal am Tag zu fragen, wie es mir geht, er hat mich und meine Bedürfnisse über sich und die seinen zu stellen. Er soll mich überraschen. Ich will mich geliebt und verehrt fühlen und nicht eine Sekunde anzweifeln müssen, dass ich vielleicht hätte gehen sollen.

Heute hat er eine wichtige Arbeit abgegeben, deshalb war es in den letzten Tagen schwierig, Zeit für uns zu finden. Aber schon am letzten Wochenende hat er versprochen, heute Abend für uns zu kochen und das beste Essen der Welt aufzutischen, während wir Popstars gucken (Trash-TV, es lebe hoch). Jetzt, da ich gesagt habe, ich müsse noch länger arbeiten (hält ihn ja nicht davon ab, pünktlich zu meinem Nachhausekommen zu kochen und währenddessen Popstars aufzunehmen) geht er lieber laufen und danach bleibt dann ja noch Zeit, mit mir nach Hause zu gehen und gemeinsam schnell bei Penny, der bis 22.00 Uhr geöffnet hat, was fürs Abendessen zu holen. Kennt Ihr das Angebot von Penny? Wird wohl eher kein Sternekoch-Essen. Außerdem gibt es da um 22.00 Uhr nichts mehr zu essen, was ein gesunder Mensch, der gesund zu bleiben wünscht, essen möchte.

Yeah, wouldn’t you feel loved? 

I hate M.

Juni 20, 2007

M. läuft mir hier über den Weg, unweigerlich. Ich schaue mich ständig um und wenn ich sie sehe, wird mir speiübel. Gestern beim Mittagessen an ihr vorbeigelaufen, sie hat demütig auf ihren Teller gestarrt, etwas traurig – da soll sie mal mich fragen – und anschließend hab ich von meinem Teller Nudeln ungefähr sechs Gabeln hinuntergewürgt. Meine Beine werden immer schlanker, das ist der nette Nebeneffekt. Heute morgen war mir allerdings so schlecht, dass ich um 05.00 Uhr aufgestanden und mich elendig aufs Sofa gesetzt habe. Beschränkte Nahrungsaufnahme macht auch extrem schwach. Der nette Nebeneffekt relativiert sich rasch.

 

Ich möchte M. Gewalt antun, wenn ich sie sehe, könnte ich ihr ins Gesicht spucken und anschließend eine reinhauen. Ich bin nicht mit allzu ausgeprägter Vorstellungskraft in Sachen Gewaltfantasien ausgestattet, aber in den letzten Tagen mache ich eine fast erschreckende Kehrtwendung durch. Ebenso M.s kleine Freunde bekommen in denen ihr Fett weg, die alle davon gewusst haben, dass mein Freund mich mit ihr betrügt und nichts gesagt haben, mich stattdessen mit diesem freundlichen „Ja, wir mögen Dich“-Lächeln angeguckt haben. Ich mochte die alle wirklich gern. Lesson learned: Besser keine Gefühle mehr fehl investieren. Für mich ist das eine Form von Zivilcourage, nicht wegzusehen, wenn jemand betrogen wird, nicht einfach immer wegzusehen und so zu tun, als sei da nichts gewesen. Wo ist der Unterschied, wenn jemand am Körper oder an der Seele verletzt wird? Man sollte niemals den Blick abwenden.

 

Im Gegenteil: Nicht nur das kreide ich ihnen an, sondern vielmehr noch, dass sie gemacht haben, dass ich sie mag. Nicht nur M. war sehr talentiert darin, richtig nett zu mir zu sein, sondern auch M.s kleine Freunde, alle miteinander waren sie scheißfreundlich und wenn sie mir jetzt über den Weg laufen, will ich ihnen an die Gurgel springen, ich will, dass Fegefeuerflammen um sie herum auftauchen während ich ihnen eine Predigt über Anstand und Moral halte. Alles, was ich momentan mache, wird bestimmt von dem Bewusstsein, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe, ein wirklich netter, freundlicher, umgänglicher, lachender, lieber Mensch bin und die anderen sich in Grund und Boden schämen sollten für ihr unsäglich schäbiges Verhalten mir gegenüber. Und das ist wohl das Problem.

 

Ich glaube es wäre besser, wenn ich mir eine Teilschuld geben könnte, irgendetwas, womit ich mich bestrafen kann. Dann wäre es jetzt nicht so sehr „ich und die anderen“, ich auf der einen, die Welt auf der anderen Seite, und ich wäre nicht so verdammt allein.