Demütigung
Juli 5, 2007
Das ist das Wort, wonach ich irgendwie gesucht habe: Demütigung. Es ist demütigend, M. jeden Tag zu sehen. Es ist demütigend, wenn mir ihre Freunde über den Weg laufen. Es ist jedes Mal eine Niederlage. Jedes Mal dieselben dummen, dummen Gedanken: „Oh, M. ist aber schlank.“ „Oh, M.s Haare sind ganz schön hübsch.“ Oh, was hat M. nur, was ich nicht hab? Und gleich darauf die nüchternere Betrachtung: Nein, sie ist nicht hübscher als Du. Ihre Nase ist zu groß. Sie ist schlanker, so what? Ich bin größer, das gleicht sich aus. Meine Haare sind meterlang und wunderschön. Ich hab nicht an drei Tagen hintereinander dasselbe Oberteil an. Ich kokettiere nicht mit einer „Ich komme aus dem schlimmsten Stadtteil Berlins, bemitleidet mich, meine Kindheit war furchtbar“-Nummer, die so verzweifelt um Aufmerksamkeit heischt. Ich flirte nicht auf Teufel komm raus jeden Mann an, der mir über den Weg läuft. Ich rauche nicht. Ich bin hübscher. Und dann wieder ein „Aber Ihre Ergebnisse waren besser als meine vor einem Jahr.“
Mag der Mann das lieber? Steht er auf etwas kleiner, zu große Nase, dafür schlanker und mit besserem Klausurergebnis? Mein Selbstvertrauen hat solch einen Knick bekommen. Dafür fange ich jetzt schon an, wie M. durch die Welt zu laufen: Schaut, meine Brüste! Schaut sie euch an, jeder darf mal gucken. Meine Shoppingaktion von Montag hat jedenfalls tief dekolletierte Tops zum Ergebnis, die mir wahnsinnig gut stehen und die den Mann rasend eifersüchtig machen müssen. Aber er sagt kein Wort. Er darf auch nicht. Es geht mir gut, ich fühle mich hübsch, wenn mir der Blick eines anderen Menschen sagt, was ich beim Mann so schnell vergessen habe: Ich bin hübsch.
Ich bin hübsch, ich bin nett, ich bin intelligent, ich bin nicht langweilig und in ungefähr vier Jahren fange ich einen Job mit unverschämt hohem Einstiegsgehalt an. Ich bin hübsch.
Und ich habe nicht verdient, dass man mich daran zweifeln lässt.
!!!