Abschied
Juli 19, 2007
Wenn Du Dir das hier anschaust – ich nehme an, dass Du es tust – dann behalte im Hinterkopf, dass ich so gut wie nie geschrieben habe, als ich glücklich war. Und die letzten waren nicht fünf katastrophale Wochen meines Lebens voller Unglück. Es gab so viele, kleine, gute Momente, die mich natürlich nicht bedrückt haben. Da hatte ich nicht das Bedürfnis, irgendetwas aufzuschreiben. Du hast ganz am Anfang mal geschrieben, Du wüsstest nicht, ob ich etwas mit dem Inhalt Deiner Email anfangen könnte, sie diene eher dazu, den Inhalt Deines Kopfes zu sezieren. Du hast den dann unterteilt in „Vernunft“ und „alles, was mit Dir [also mir] zu tun hat“
. Das hier war meine Sezierung.
Vielleicht bin ich sogar froh, dass Du mich entdeckt hast. Auch wenn das hier als Tagebuch durchgeht, kann ich nicht leugnen, erleichtert zu sein. Ich will nicht, dass noch etwas zwischen uns steht – auch nicht die Gedanken, die ich mir in schlechten Momenten so mache und gemacht habe. Ich will nur, dass alles wieder gut wird.
Vielleicht schreibe ich unter anderem Namen weiter; wahrscheinlich aber nicht, auch wenn es mir um die (ich muss es einmal sagen) gar nicht so schmale Leserschaft Leid tut. Aber so wie ich das hier nicht für Dich geschrieben habe, habe ich es auch nicht um des gelesen Werdens willen geschrieben, sondern nur für mich allein. Der Blog hat seine Funktion erfüllt – und jetzt verloren. Bis nachher am Telefon
.
Wovor man am Tag wegläuft…
Juli 14, 2007
Ab morgen bin ich weg. Für vier Wochen werde ich den Mann nicht sehen – es geht ins Ausland für mich. Danach wohl eine Stippvisite des Mannes, dann, wenn es gut geht, sehen wir uns bis Dezember im Zweiwochenrhythmus. Der Mann ist mit Arbeit eingedeckt, es wird ihm wenig Zeit bleiben für einen Fehltritt – zumindest in den nächsten vier Wochen. Angst ihn allein zu lassen, habe ich dennoch. Was macht er, wenn er einsam ist? Wem wendet er sich zu? Wirklich mir? Nicht wieder jemand anderem? Noch einmal derselben – M., die jetzt ohne Beziehung ist, die schon einmal etwas gesucht hat, dass sie bei meinem Mann zu finden glaubte, es dann wohl doch nicht gefunden hat – versucht sie es noch einmal? Oder versucht er es noch einmal? Sucht er sich seinen Ausgleich zur stundenlangen, monotonen, anstrengenden Arbeit bei einer anderen Frau, wenn ich nicht da bin, um ihn abends aufzufangen?
Es quält, morgen gehen zu müssen, und wenn am Bahnhof Tränen fließen – so wie jetzt gerade -, dann nicht nur wegen des Abschiedsschmerzes, sondern auch wegen der Ungewissheit der Zukunft und der Lügen und Betrügerei der Vergangenheit. Ich liebe ihn so sehr, aber es ist einfach nicht mehr wie vorher und ich weiß nicht, ob es noch einmal so unbeschwert werden wird, ob dieses Ungleichgewicht in unserer Beziehung irgendwann einmal verschwinden wird.
Es ist ein dummer Gedanke, das weiß ich im Grunde auch, aber vielleicht sollte ich es ihm heimzahlen, ihn zurück betrügen mit jemandem, der ihm Tag für Tag über den Weg läuft, damit er sich bei jeder Begegnung so fühlt als sei er ein eingesperrtes Tier, das nicht entkommen kann; nicht nur, um ihm zu demonstrieren, wie das ist, wie es sich anfühlt, von dem Menschen, den man am meisten liebt, dem man am meisten vertraut hat, hintergangen zu werden, sondern auch, um sagen zu können: „So, wir sind quitt.“ Aber natürlich weiß ich, dass es das nicht besser macht, sondern nur schlimmer.
Ich träume so oft von M. Es sind Alpträume kraft ihres Gegenstandes – ich habe während der letzten vier Wochen (mit wenig Erfolg) versucht, ihr so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen, aber sie beschäftigt mich so sehr, dass ich es nachts zumindest nicht abschütteln kann. Wovor man am Tag wegläuft, sucht einen in der Nacht heim – ich wünschte, es wäre nicht so, ich wünschte, ich hätte irgendeinen Einfluss auf meine Träume; dann würde ich nachts in die Vergangenheit gehen, als es noch friedlich war und zwar nicht immer perfekt, aber doch harmonisch und auf eine sehr alltägliche Art zufrieden. Jetzt ist einfach nur Unruhe und Ungewissheit bezüglich dessen, was wird. Was wird? Was wird aus ihm, wenn ich fort bin, was aus mir – und was aus unserer Beziehung? Kann ich es aufrecht erhalten, will ich? Ich bin einfach so müde, all das, was mir anhängt und was ich nicht sagen kann – „Doch, ich zweifle jeden Tag, ob ich wirklich bei Dir bleiben soll“, „Ich habe Angst, Dich zu verlieren“, „Bist Du ein notorischer Betrüger?“, „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Du mir so etwas noch einmal antust?“, „Wärst Du an meiner Stelle gegangen? Sei ehrlich“, „Kannst Du Dir den Druck ausmalen, der bei jeder unfreiwilligen Begegnung mit M. auf mir lastet?“, „Kannst Du im Ansatz nachvollziehen, wie kaputt ich bin? Durch Dich? Du, der Du mein Held und Retter sein wolltest? Realisierst Du, dass mein Herz gebrochen ist, kaputt zu Deinen Füßen liegt und sich fürchtend zitternd wartet, dass Du noch einmal darauf eintrittst?“ – belastet mich unheimlich. Ich bin froh, wenn ich während der nächsten Wochen Abstand gewinnen kann; aber ich habe Angst, einfach nur Angst, dass der Abstand zu groß wird – oder zu groß ist und ich mich nur wehre, mir das einzugestehen. Es gibt diese kleinen, wunderbaren Momente, die mich wieder glauben lassen; aber wenn ich allein bin mit meinen Gedanken, gibt es nur noch Negativa, böse Träume und Angst vor der Zukunft, die doch immer eine zu zweit sein sollte – und weder eine zu dritt noch eine für mich allein.
Rückschläge
Juli 10, 2007
Ich weiß es seit dem 08.06.
Am 18.06. hat M. meinen Mann angerufen.
Seit dem 08.06 hätte klar sein müssen, dass das nicht geschehen sollte. Dass er einen solchen Anruf zumindest nicht entgegennimmt. Hat er aber. Was macht er sonst noch so? Weiß ich es? Nein Könnte ich es ihm glauben, würde er es mir erzählen? Nein, offensichtlich kann ich ihm gar nichts mehr glauben.
Fraglich nur, ob und wie ich das anspreche. Denn mal wieder habe mit seinem Handy telefoniert, mal wieder hab ich den Drang verspürt, herumzuschnüffeln in Sachen, zu denen mir kein Zugang gewährt ist – als „Kontrolle“, „nur mal schauen, ob“, „wird schon nicht, weiß ich doch, aber…“. Aber offensichtlich ist mein Misstrauen gerechtfertigt.
Und um ehrlich zu sein, hatte ich mir fest vorgenommen, dass jeglicher Kontakt zu M. einen Trennungsgrund darstellen würde. Jetzt habe ich meinen Trennungsgrund. Was mach ich denn nur? Jeder Ratschlag ist willkommen.
Demütigung
Juli 5, 2007
Das ist das Wort, wonach ich irgendwie gesucht habe: Demütigung. Es ist demütigend, M. jeden Tag zu sehen. Es ist demütigend, wenn mir ihre Freunde über den Weg laufen. Es ist jedes Mal eine Niederlage. Jedes Mal dieselben dummen, dummen Gedanken: „Oh, M. ist aber schlank.“ „Oh, M.s Haare sind ganz schön hübsch.“ Oh, was hat M. nur, was ich nicht hab? Und gleich darauf die nüchternere Betrachtung: Nein, sie ist nicht hübscher als Du. Ihre Nase ist zu groß. Sie ist schlanker, so what? Ich bin größer, das gleicht sich aus. Meine Haare sind meterlang und wunderschön. Ich hab nicht an drei Tagen hintereinander dasselbe Oberteil an. Ich kokettiere nicht mit einer „Ich komme aus dem schlimmsten Stadtteil Berlins, bemitleidet mich, meine Kindheit war furchtbar“-Nummer, die so verzweifelt um Aufmerksamkeit heischt. Ich flirte nicht auf Teufel komm raus jeden Mann an, der mir über den Weg läuft. Ich rauche nicht. Ich bin hübscher. Und dann wieder ein „Aber Ihre Ergebnisse waren besser als meine vor einem Jahr.“
Mag der Mann das lieber? Steht er auf etwas kleiner, zu große Nase, dafür schlanker und mit besserem Klausurergebnis? Mein Selbstvertrauen hat solch einen Knick bekommen. Dafür fange ich jetzt schon an, wie M. durch die Welt zu laufen: Schaut, meine Brüste! Schaut sie euch an, jeder darf mal gucken. Meine Shoppingaktion von Montag hat jedenfalls tief dekolletierte Tops zum Ergebnis, die mir wahnsinnig gut stehen und die den Mann rasend eifersüchtig machen müssen. Aber er sagt kein Wort. Er darf auch nicht. Es geht mir gut, ich fühle mich hübsch, wenn mir der Blick eines anderen Menschen sagt, was ich beim Mann so schnell vergessen habe: Ich bin hübsch.
Ich bin hübsch, ich bin nett, ich bin intelligent, ich bin nicht langweilig und in ungefähr vier Jahren fange ich einen Job mit unverschämt hohem Einstiegsgehalt an. Ich bin hübsch.
Und ich habe nicht verdient, dass man mich daran zweifeln lässt.