Tag 5
Juni 20, 2007
Mein Elfenbeinturm steht in Hamburg, auf der guten Straßenseite mit den hübschen Häusern, gegenüber einer Hochhausreihe, die dem finstersten Sarcelles Konkurrenz macht. In dem Turm hab ich mir einen Lebensentwurf ausgemalt, in der festen Überzeugung, nicht in einem Jahrzehnt feststellen zu müssen, dass alles nicht funktioniert hat (wobei dieses Eingeständnis wohl so lauten würde: „Ist halt alles anders gekommen.“).
Mein Entwurf lautete in groben Zügen so: Mein Mann und ich heiraten, haben drei Kinder und ein Eigenheim im Grünen, ein großes, sehr großes, denn wenn wir beruflich dort landen, wo hinzukommen wir mit Feuereifer anstreben, dann geht das.
Am Freitag hab ich dann was Dummes getan. Ich hab mit seinem Handy telefoniert und eine SMS gelesen, die schon ein paar Wochen alt war. Hätte ich nicht machen sollen – so oder so nicht, weder moralisch noch im Hinblick auf die folgende Totalzerstörung von Seelenfrieden, heiler Welt und Elfenbeinturmausgeburten. „Danke fürs glücklich machen, jeden Tag wieder, und nur indem ich dich sehe
“. So oder ähnlich. Das war nicht mein Text. Das war der Text von M. Und M.s Text ging an meinen Mann.
Ich hab ihn ein paar Stunden später damit konfrontiert – dachte ich bräuchte die Zeit um Gedanken zu sammeln. Pustekuchen, ich habe die Decke angestarrt, nicht gelesen, nicht gegessen, nicht geschlafen, nicht ferngesehen. Schon mal ein paar Stunden hintereinander nichts getan außer die weiße Zimmerdecke anzustarren? Folgendes Bild taucht dann vorm geistigen Auge auf: M. und mein Mann wälzen sich leidenschaftlich in meinem Bett, M. und mein Mann küssen sich, mein Mann hält M. auf eine Art, auf die er nur mich halten sollte, mein Mann antwortet auf M.s SMS: „Du machst mich auch glücklich, jeden Tag.“
Er hat mich weinend angefleht, ihn nicht zu verlassen. Er hat sich nicht leidenschaftlich in meinem Bett gewälzt, aber geküsst und geflirtet – und sich verrannt in eine kurze, aufregende Idee von einem Menschen, der gerade ähnlich drauf war wie er. Habe auf mein Herz gehört und gesagt, dass ich bleibe. Habe trotzdem bei seinem Kuss daran gedacht, wie M. wohl küsst. Bis heute denke ich das, jedes Mal. Er hat viel erklärt, viel versichert. Ich habe ihm schon eine zweite Chance eingeräumt, aber irgendwie denke ich, ich hätte vielleicht die Schere ansetzen und einen Schnitt machen sollen, in dem ich mich ausruhen kann und überlegen, was ich mit der Beziehung vor Freitag und der Beziehung seit Freitag anfange – und ob ich sie wieder zusammenflicken kann.