Drei Wochen hat es gedauert. Erst jetzt habe ich mich getraut zu fragen, bzw. gestern Abend schon, immerhin. Im Bett liegend, beide hundemüde, mal wieder, mit den typischen Bettzeit-Gesprächen beschäftigt – noch einmal sagen, dass man den anderen liebt, und noch mal und noch mal und noch mal – und zwischen den „Ich Dich auch“’s hab ich einfach gefragt: „Wie lang hat das gedauert mit M.?“ Ich kenne mittlerweile sein verschämtes, betretenes Schweigen, das nach solchen Fragen erst einmal kurz in der Luft hängt, wenn er überrascht ist, wie rasant ich von zärtlich-lieb-verschmust zu abgeklärt-traurig-fordernd wechseln kann. Meine Stimme bricht jedes Mal, wenn ich das Thema auf M. bringe, Schwäche schwingt mit, jedes Mal. Ich kann es nicht verhindern. Jedenfalls schwieg er kurz und gestand dann ein „So drei Wochen“ ein.

Ich verbringe die meiste Zeit meines Tages an der Seite des Mannes. Er hat sich Minuten dieser Zeit gestohlen, um sie mit ihr zu verbringen. Sie haben sich nie außerhalb getroffen, nie länger als wenige Minuten. Das klingt zunächst nicht so schlimm, aber es waren meine Minuten, die er weggenommen hat, meine allein, und er hat sie einer anderen geschenkt. Das trifft, wie jedes seiner Eingeständnisse trifft.

„Nur eine Schwärmerei“ ist auch so ein gemeines Eingeständnis. Nur eine Schwärmerei, nur eine Verknalltheit, längst vorbei, in etwas verrannt, nicht eine Sekunde daran gedacht, Dich zu verlassen – vielen Dank. Denn es ist doch zwangsläufig so, dass neben dem mir, neben dem uns Platz genug war, dass M. ihre diebischen Fühler ausstrecken und sich hineindrängen konnte. Schlimmer noch, neben dem uns war Platz genug, dass das Herz, das nur ich zum Klopfen bringen sollte, auch für M. geschlagen hat, dass Platz war, dass er sich nicht nur freut, neben mir aufzuwachen sondern darauf, dass er M. in ein paar Stunden sieht, dass M. ihm Zeit genug schenkt, dass er ein paar meiner Minuten wegnehmen und sie ihr zuwenden kann.

Im Nachhinein bedeutet es ihm nichts – aber für mich gibt es kein „während der Zeit mit M.“, „Läuterung“ und „rückblickend“; für mich gibt es nur die Tatsache, dass ihm M. während drei Wochen immerhin so viel bedeutet hat, dass er mich belogen hat, betrogen, hintergangen, verraten, mein seliges, grenzenloses Vertrauen missbraucht hat.

Woran merkt man, dass man verziehen hat? Hört dann das Misstrauen auf, ist man dann nicht mehr so traurig? Oder kann nur vertrauen, fröhlich sein, wenn man vergessen hat? Ich vergesse den Vertrauensbruch nicht; ich bin sicher, dass ich ihn verzeihen kann. Aber noch schwebt er über allem, mein persönliches Damoklesschwert, die ständige Erinnerung, dass die Geschichte mit dem Vertrauen ein äußerst fragiles Gebilde ist, das sich leicht zerstören lässt – wenn man denn will. Ich will es nicht aufgeben, ich bin bestimmt nicht diejenige, die den Faden durchtrennt, damit das Schwert herunterfällt. Aber ich bin leider auch nicht mehr die, in deren Macht es steht, den Faden geknüpft zu lassen.

Vollkommen bildlich gesprochen natürlich. Ich habe dreimal mit dem Mann geschlafen, seitdem ich es weiß. Ich reflektiere momentan über alles mögliche, und auch darüber, und um ehrlich zu sein, fällt mir gerade nichts ein, worüber ich sonst schreiben könnte.

Das erste Mal war direkt an dem unsäglichen Freitag, dessen Vormittag ich heulend auf dem Sofa verbracht habe, hin und hergerissen zwischen dem Ziehen eines Schlussstrichs und der Vergebung, und dessen Nachmittag sich der Mann für mich freigenommen hatte, um für mich vermeintlich Kranke zu kochen und dabei in der Küche über mich herzufallen. Warum habe ich das gemacht, so unmittelbar nach der Beichte? Kann ich nicht sagen. An jenem Freitag war ich vollkommen taub. Ich habe mir mehr Sorgen darüber gemacht, dass der Mann mich hasst, weil ich seine SMS gelesen habe, als dass ich ihn hassen muss, weil er mich betrogen hat. Ich war nicht wirklich klar im Kopf.

Das zweite Mal war kurz nach der Rückkehr von meiner wochenendlichen Flucht in die Heimat zu den Eltern (Flug war schon seit Wochen gebucht, aber es war auch ganz gut, an dem Freitagnachmittag verschwinden und Abstand gewinnen zu können). Da war es weniger ein übereinander Herfallen als eine zärtliche Reminiszenz an die Anfänge unserer Beziehung. Warum ich das gemacht habe? Ich weiß es nicht. Ich habe nicht nachgedacht. Ich weiß aber noch, dass ich am Wochenende daheim dachte, dass ich erst einmal nicht mit ihm schlafen und all seine möglichen Versuche in diese Richtung abblocken werde. Und dann war es so schön, wie es sein soll.

Das dritte Mal war heute morgen, zum wach Werden sozusagen. Wer kommt auch einfach so um sieben in der Früh bei plärrendem Regen aus dem Bett? Ich zumindest nicht. Warum ich es gemacht habe? Bestimmt nicht nur zum wach Werden.

Ich weiß nicht, manche mögen sagen, ich hätte den Mann mit sexueller Nichtachtung strafen sollen. „Sei nicht so zärtlich in nächster Zeit“, lautete der Rat einer noch jungfräulichen, beziehungsunerfahrenen Freundin, der ich mich nach einem schwachen Moment anvertrauen musste. Sie hat gut reden. Ich will nicht das Leben führen, was ich vorher hatte (immer noch denke ich in der „vorher“-Kategorie), aber ich will schon gar nicht Wohnung und Bett mit einem Mann teilen und zulassen, dass wir uns voneinander entfremden. Wie kann ich ihn nicht küssen? Wie kann ich nicht noch ganz andere Dinge mit ihm anstellen? Und es ist sehr leicht, all dies zu tun. Ich vergesse, wenn ich ihn küsse. Mir kam nicht einmal der Gedanke an M., bei keiner horizontalen Begegnung. Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen. Wenn er mich vergessen lassen kann, gibt es Hoffnung.

Feindkontakt

Juni 26, 2007

Eben hat M., die eine Etage tiefer sitzt, mich via Skype kontaktiert. „M.T. möchte mit Ihnen Kontaktdaten austauschen“, dazu ein markiger, sehr M.-iger Spruch über meinen Skype-Namen. Mein Herz hat kurz ausgesetzt, dann wurde mir schlecht und dann war ich sehr, sehr wütend – „“Was denkt die sich denn bitte? Das kann ja wohl nur ein Versehen der unverzeihlichsten, dümmsten Sorte sein. “ Das waren meine nicht sehr liebreizenden Gedanken. Ich habe die Einladung erst mal angenommen, wollte sehen, was da wohl kommen möge. Hier das, was ich zu ihr gesagt habe:

„ich bin nicht wirklich deine beste freundin im moment, M., jude law hin oder her. und um ehrlich zu sein wär’s mir auch lieber, du ließest mich noch eine weile in ruhe. ich spar mir auch die moralpredigt und so – aber trotzdem.“

Souverän, nicht wahr? Und doch gleichzeitig sehr subtil Schuldgefühle vermittelnd. Ich war sehr stolz auf mich. Das kam zurück:

„äh… weiß grad nicht worum es geht – entschuldige. selbstverständlich lass ich dich in ruhe. keine sorge.“

Darauf meine Erklärung, gerade ihren Wunsch zum Kontaktdatenaustausch erhalten zu haben, darauf ihre Entschuldigung, das müsse schon ein bisschen her sein und dieses:

„du darfst sehr gern ablehnen. dafür verständnis zu haben schaff selbst ich.“

Danach habe ich sie ohne weiteren Kommentar stoisch aus meiner Kontaktliste gelöscht, mein Herz schlug wieder ruhiger und die Übelkeit war auch weg. Halleluja.

Schlampe.

Wie baue ich in die vor sich hin plänkelnde Konversation ein: „Ach ja, wann hat es eigentlich angefangen und wie lang ging es? Und wie oft habt Ihr Euch getroffen?“ So zwischen zwei Bissen in einen Apfel, oder in einer Werbepause? Beim Abtrocknen des Geschirrs? Abends im Bett, wenn wir uns gegenseitig müde quasseln?

Kennt Ihr diese Dinge, die Euch auf der Seele brennen, deren Dringlichkeit sich durch einfaches zur Sprache Bringen vermutlich verringern ließe? Aber ich sprech es trotzdem nicht an. Die Antwort wird in ihren Grunzügen ohnehin lauten, „Es hat nichts bedeutet“. Bin ich einfach nur naiv oder drängt sich da auch anderen die Frage auf, warum es dann überhaupt nötig war, es zu tun? Achselzucken als Antwort, immer nur ein vager Erklärungsversuch – aber vermutlich wäre es schlimmer, könnte er es erklären. Vermutlich wäre es schlimmer, wenn er sagen würde, „Mir hat was gefehlt“, „Sie hat mir was gegeben“, „Es war schön“. Vielleicht sagt er es auch einfach nur nicht, um mich nicht zu verletzen. Vielleicht vielleicht vielleicht. Es wäre leichter, würde ich fragen.

Ist der feste Vorsatz für heute Abend: fragen. Jetzt ist es leicht, mir das mahnend zu sagen, weil der Mann nicht hier ist, im Leichtathletikverein ein Probetraining macht und danach nach Hause verschwindet, während ich wohl erst mit der letzten Bahn ins traute Heim einkehren kann. Bin also gespannt, wie lange der Vorsatz hält. Ich habe da so eine Ahnung: bis zum „Nächster Halt: …straße“. Oder auch: bis zum Geräusch des sich im Schloss drehenden Schlüssels. Bis zur Begrüßung. Bis zum ins Bett Gehen.  Bis zum Einschlafen. Dann fehlt wieder der Mut.

Wider die Schwäche!

Juni 25, 2007

Die Chemie muss nun richten, was ich und der Mann bei mir nicht mehr heil machen können. Die „Sibirischer Ginseng“ Kapseln versprechen „erhöhte Leistungsfähigkeit und eine Kräftigung und Vitalisierung des ganzen Organismus“. Ich hab wirklich keine Lust mehr, mich ständig nur schwach und elend zu fühlen. Wunderbar, wenn es funktionieren sollte – ich sag dann Bescheid.

Ich denke, der Fairness halber sollte ich erwähnen, dass M. ebenfalls seit Freitag vorletzter Woche vor den Scherben ihrer Beziehung steht. Ihr Kerl, der schon länger von ihrem Ausrutscher wusste (ich sagte ja, dass absolut jeder es vor mir wusste – aber gut, der Kerl kennt mich nicht, bzw. ich habe ihn einmal gesehen, er weiß nicht meinen Namen und er hatte wohl auch keine Möglichkeit, mir Bescheid zu sagen), hat sie verlassen. Aus gegebenem Anlass verweigere ich meiner Neugierde, mich über 100 Ecken nach dem aktuellen Stand in ihrem Liebesleben zu erkundigen, aber ihr Kerl scheint nicht mit der Geschichte klar zu kommen, was ich grundsätzlich nachvollziehen kann. Ich sag’s mal kurz, ohne mich dafür zu schämen: Haha. Ein kleiner Ausbruch von Schadenfreude. Irgendwann werde ich vermutlich auch wieder ein netterer, mitfühlenderer Mensch, der sich nicht freut, wenn anderen etwas Unschönes passiert. Ich weiß allerdings auch noch nicht, ob ich bei M. nicht in alle Zeiten eine Ausnahme von meiner Nettigkeit machen werde. Ich weise auch noch mal schnell auf das Offensichtliche hin: selbst schuld. Warum hält sie nicht einfach ihre kleinen, miesen Krallen von meinem Mann fern? Das hätte ihr und mir einiges erspart. Aber der Mann ist wohl auch nicht ganz unschuldig.

Es ist irgendwie leichter, meine Wut in M.s Richtung zu kanalisieren. Natürlich würde ich dem Mann am liebsten eine Ohrfeige verpassen, aber ich kann das nicht. Ich räche mich subtiler, er soll durchaus Anteil haben, wenn es mir schlecht geht (denn es ist doch immerhin so, dass es ihm automatisch nicht gut geht, wenn es mir nicht gut geht): Ich weine ein bisschen, ich schaue traurig, ich bin abwesend. Ich lege es gar nicht mal darauf an – es entspricht durchaus der Art, wie ich mich fühle. Aber: Er merkt, dass er Mist gebaut hat. Immer, immer wieder. Und zur Not rufe ich ihm das ins Bewusstsein. Mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen.

Die Fertigmacher-Fragen

Juni 24, 2007

Ich glaube, das hier ist mein Problem: nicht reden. Ich will nicht mit dem Mann sprechen. Es fällt mir zu schwer. Der Mann spricht aber auch nicht mit mir, obwohl ich im Grunde nichts anderes will, als dass er es doch tut.

Ich glaube mittlerweile wirklich, dass der Mann meint, es sei alles wieder gut. Auf irgendeiner schlauen Seite hab ich gelesen, dass eine Beziehung ein Jahr braucht, um sich von einem Fremdgehen zu erholen. Kann man da was von abziehen, wenn kein Sex im Spiel war? Ich liebe ihn, aber ich vertraue ihm nicht. Ich schiele auf seinen Laptop, wenn ich ihn aus den Augenwinkeln lachen sehe – mit wem chattet er da, wer bringt ihn zum Lachen, welche wird die Nächste sein oder ist es gar wieder M., zu der ich strikt den Kontakt untersagt habe? Ich frage mich, wenn er kurz verschwindet, wohin er geht, was er da macht und mit wem er es macht. Und ich frage mich, ob sich das je wieder ändert. Ich will mir diese Fragen nicht stellen, sie machen mich fertig. Ich habe momentan gar keine Zeit, dass meine Gedanken nur mit seinem Verbleib beschäftigt sind – keine Zeit, keinen Nerv, keine Kraft.

Wäre er nur irgendwie bemühter um mich - aber er ist es gar nicht. Er ist in einer Bringschuld, und bei mir kommt nichts an, nur der dahindümpelnde Alltag, den wir vorher auch hatten und an dem grundsätzlich nichts Schlechtes ist; leider passte er hervorragend zu meinem Leben vor Freitag, letzte Woche, aber so gar nicht mehr zu dem Leben jetzt. Ich habe keinen Alltag mehr, ich habe ein chaotisches Leben, das ich erst einmal ordnen muss und in dem der Mann sich erst einmal seinen Platz suchen muss bzw. er abwarten muss, welchen Platz ich ihm zuteile. Aber er scheint gar nicht zu verstehen, dass es so aussieht. Im Gegenteil – er freut sich, dass ich bleibe. Sagt, dass er mich liebt. Wir schlafen Arm in Arm ein. Schön? Ja. Genug? Zumindest zu bezweifeln.

Versöhnliches

Juni 22, 2007

In der Tat war der gestrige Abend wider Erwarten noch recht friedlich, fast idyllisch, zwar ohne Sternekochessen, aber immerhin musste ich es nicht zubereiten sondern konnte mich nach dem Nassgeregnetwerden auf dem Heimweg mindestens 20 Minuten unter die heiße Dusche stellen.

Das Dumme meiner Situation und gleichzeitig das, was verhindert, dass ich auf Abstand zum Mann gehe, ist folgendes: Derjenige, der der Grund dafür ist, dass es mir momentan so schlecht geht, ist gleichzeitig regelmäßig der Einzige, der machen kann, dass es mir wieder besser geht. Und wenn er mich auf den Küchenstuhl in seinen Schoß zieht und meine Tränen wegküsst und mit seinen eigenen kämpft, weil es ihm ganz offensichtlich wehtut, mir wehgetan zu haben, dann ahne ich, dass ich letztendlich richtig entschieden habe. Dann blickt er mich aus ehrlichen, kummervollen Augen an und sagt: „Girl, ich mach Dich nie wieder traurig.“

Ist es dumm, daran zu glauben? Vermutlich sagen das die vielen Männerhasserinnen dort draußen, die das schon mehrfach hinter sich gebracht haben. Vermutlich sagen das die Pessimistinnen und die Emanzen (no offence), die Ungläubigen und die Rationalen.

Dann bin ich wohl dumm, aber immerhin besteht die nicht unrealistische Chance, dass ich wieder glücklich werde – mit diesem Mann.

Gerade ist mir M.s beste Freundin über den Weg gelaufen. Himmel, ich wollte so souverän sein. Stattdessen hab ich das knappste, traurigste Lächeln präsentiert und dann auf den Boden gestarrt, damit mir nicht die Tränen in die Augen schießen. Sie hat ebenso knapp-traurig-mitleidig zurückgelächelt. Wenn ich M. selbst das nächste Mal sehe, werde ich vermutlich einen Heulkrampf bekommen.

Wenn ich nicht der traurigste Mensch der Welt bin, dann doch zumindest derjenige, der am meisten von allen im Selbstmitleid versinkt. Ich verabscheue diese Leute aufs Äußerste. Alle haben es gewusst, niemand hat etwas gesagt. Einen von denen zu treffen ist einfach nur grauenvoll, jeder Gang durch dieses Gebäude ist ein Spießrutenlauf. Verräter lauern an allen Ecken und ich wünschte mir, ich hätte sie nie getroffen. Ich bin einfach zu verletzt. In meiner naiven Weltanschauung, die sich ein paar Werte gerne auf die Fahnen schreibt und so hoch wie möglich in der Luft herumschwenkt, passiert so etwas einfach nicht. Da machen Menschen, Freunde, um Himmels willen, so etwas nicht miteinander, da tritt man sich respektvoll gegenüber, da trampelt man nicht auf Gefühlen herum. Da ist man ehrlich und offen und man betrügt nicht.

Diese Weltanschauung muss ich wohl ablegen, aber das ist verdammt bitter. Bitterer noch dadurch, dass ich dachte, das sei die große Liebe, die erste, die in alle Ewigkeiten hält, die mich an alles glauben lassen kann, was groß ist und schön und gut, dass ich dachte, dies sei der Mann, der mich in dem Maß über alles und jeden anderen stellt, wie ich ihn über alles und jeden anderen stelle. Und jetzt? Ich glaube lieber an gar nichts mehr. Erscheint mir der sicherste Weg, ist vermutlich schmerzfreier. Irgendwie stehe ich neben mir selbst, betrachte mit Abstand mein Leben und muss, ganz nüchtern, feststellen, dass alles erschüttert wurde, alles in der Schwebe ist. Es kann in alle Richtungen weitergehen – und die meisten davon machen mir Angst.

Er hat was wiedergutzumachen, nicht wahr? Find ich auch. Er hat mich zu unterhalten, mich zu umsorgen, mir ständig liebe Dinge zu sagen, mich 20 Mal am Tag zu fragen, wie es mir geht, er hat mich und meine Bedürfnisse über sich und die seinen zu stellen. Er soll mich überraschen. Ich will mich geliebt und verehrt fühlen und nicht eine Sekunde anzweifeln müssen, dass ich vielleicht hätte gehen sollen.

Heute hat er eine wichtige Arbeit abgegeben, deshalb war es in den letzten Tagen schwierig, Zeit für uns zu finden. Aber schon am letzten Wochenende hat er versprochen, heute Abend für uns zu kochen und das beste Essen der Welt aufzutischen, während wir Popstars gucken (Trash-TV, es lebe hoch). Jetzt, da ich gesagt habe, ich müsse noch länger arbeiten (hält ihn ja nicht davon ab, pünktlich zu meinem Nachhausekommen zu kochen und währenddessen Popstars aufzunehmen) geht er lieber laufen und danach bleibt dann ja noch Zeit, mit mir nach Hause zu gehen und gemeinsam schnell bei Penny, der bis 22.00 Uhr geöffnet hat, was fürs Abendessen zu holen. Kennt Ihr das Angebot von Penny? Wird wohl eher kein Sternekoch-Essen. Außerdem gibt es da um 22.00 Uhr nichts mehr zu essen, was ein gesunder Mensch, der gesund zu bleiben wünscht, essen möchte.

Yeah, wouldn’t you feel loved? 

Ich weiß nicht so genau, wie ich das Verhalten vom Mann einschätzen soll. Er ist lieb, besorgt. Fordert ab und an mal Küsse ein. Streichelt mich. Wie immer laufen wir grds. Hand in Hand bzw. Arm in Arm durch die Gegend. Ist auch in Ordnung so. Irgendwie hab ich nur das Gefühl, dass er schon zur Tagesordnung übergegangen ist, dass er, nur weil ich mich in der Öffentlichkeit nicht entziehe, weil ich mit ihm zum Mittagessen gehe, weil ich zurückküsse, denkt, dass alles wieder in Ordnung sei. Gar nichts ist in Ordnung.

Ich bin innerlich nur Unordnung. Ich kann es kaum beschreiben; ich denke abwechselnd in die Richtungen „Wie schön, dass er mich liebt“, „Stirb doch einfach einen qualvollen Tod, M.“, „Warum konnte ich Dich nicht bei mir halten“, „Warum hast Du das gemacht, wenn es Dir nichts bedeutet“, „Fühlt sich gut an, geliebt zu werden“. Mir wäre ein einziger, klarer Gedanke auch lieber.

Ich weiß auch gar nicht, was ich machen soll, was ich ansprechen soll. Ich will wissen, wie M. küsst. Küsst sie besser als ich? Ich will wissen, wann es angefangen hat. Ich will wissen, wann es geendet hat. Ich will wissen, wie oft sie sich getroffen haben. Ich will wissen, wie es mir, obwohl ich neben ihm sitze, fast den ganzen Tag, nicht auffallen konnte. Ich will wissen, ob sie Kaffeepausen der Art gemacht haben, wie der Mann und ich sie zu Beginn unserer Beziehung gemacht haben – Kaffee holen, in eine geheime Ecke verschwinden und rummachen. Ich will wissen, ob er es schön fand, sie bei sich zu halten, ob er da im Kopf Unterschiede gemerkt hat – kleiner, schmaler, schlanker, größere Nase als ich? Besser? Einfach anders? Ich will wissen, ob M.s Kuss ihn erregt hat. Ich will wissen, ob es leicht war, meine Existenz auszublenden.

 Und im Grunde will ich die Antworten gar nicht hören. Und deshalb kann ich die Fragen nicht stellen. Und deshalb schäume ich innerlich vor Wut. Und deshalb kommt mir jeder Kuss vor, als spielte ich ihn – wie soll ich auch sagen, „Ich möchte Dich jetzt nicht küssen“? Ich möchte ja. Und gleichzeitig wird das überlagert von den vielen, vielen Gedanken in jeder Stunde an M. und an ihn und an meine fast gescheiterte Beziehung, deren nicht-Scheitern er schon für selbstverständlich zu halten scheint. Das Leben ist manchmal verdammt bescheiden.